Mustafa Woyzeck

Mustafa Woyzeck

von Georg Büchner und Tim Staffel


Inszenierung und Musik: Alexandra Holtsch

Bühne und Kostüme: Tatjana Lysenko

Produktionsleitung: Katja Kettner, Katharina Husemann

 

Premierenbericht: Mustafa Woyzeck – Tim Staffel versus Büchner


Büchners 'Woyzeck' ist ein Klassiker, was man auch daran erkennt, dass das Stück heutige Theatermacher zu immer neuen Auseinandersetzungen reizt. Alexandra Holtsch verlegt die Geschichte nach Berlin ins Migrantenmilieu. Sie hat sich von Tim Staffel einen Ergänzungstext schreiben lassen, der im Slang der Kreuzberger Deutschtürken gegen Büchner anwettert. Die Produktion heißt 'Mustafa Woyzeck' und hatte gestern im Theaterdiscounter Berlin Premiere.

Der Sound wird live gemixt. DJ Key-G und der deutschtürkische Rapper Volkan haben mitten auf der Spielfläche ihr Equipment aufgebaut, gleich neben dem Tontechniker Vincent Mimault. Zuerst werden Büchner-Zitate gesampelt.

»Auf der Welt ist kein Bestand wir müssen alle sterben. (Lachen)«

Nach und nach erscheinen die anderen Akteure – Woyzeck in einer spießigen Filzjacke seine Frau im eleganten Abendkleid. Jahrmarktgeschrei beginnt, die Musik zu übertönen. Ein Pferd wird angepriesen, das denken kann. Da hakt Volkan ein. Er will die Rolle übernehmen und als sein türkischstämmiger DJ-Freund, nicht mitmacht, beginnt er, ihn zu beharken.

Volkan: »Ich mach dich kaputt mit dem, was ich denke, versthest du, Alter? Weil ein Pferd denkt zehnmal weiter als du, weil du ein Kanake bist und ich ein Pferd. Und ein Pferd ist zehnmal mehr wert als du. Weil ein Kanake überhaupt nicht denken kann, verstehst du?«

Und schon ist das Pferd aus Büchners Stück zu einer Metapher für heutige Verhältnisse geworden. Tim Staffel sieht Migranten als Versuchskaninchen, oder – um im Bild zu bleiben – als Versuchspferde.

Mustafa Woyzeck stammt aus Serbien, hat eine deutsche Frau und ein Kind. Wie die Hauptfigur in Büchners Stück, verdient er zu wenig Geld, um seine Familie zu ernähren. Daher stellt er sich einem gewissenlosen Doktor für medizinische Experimente zur Verfügung. Außerdem bewirbt er sich um ein Job beim privatem Sicherheitsdienst.

Poetische Texte beginnen authentisch zu wirken, wenn sie mit Akzent gesprochen werden. Die Künstlichkeit, die viele andere Woyzeck-Inszenierungen unerträglich macht, kann vermieden werden. So frisch und heutig, wie in dieser Aufführung, ist Büchner schon lange nicht mehr präsentiert worden.


Deutschlandfunk CORSO; Auszüge der Sendung am 24.05.2007. Autor: Oliver Kranz

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